FREIER WILLE – ABSURDITÄT ODER BEDROHUNG?


Eines der ältesten philosophischen Themen ist der „freie Wille“.  Bisher fanden wir die besten und ausführlichsten Ansichten bei dem Vater des Pragmatismus, William James („The Will to Believe“, Writings 1878-1899). Der berühmte Voltaire hatte jedoch eine eigene Art der Definition und lieferte seine logische Analyse dieses Themas wie folgt:

Seit es Menschen möglich ist vernünftig zu denken, haben Philosophen dieses Thema verschleiert, aber es waren die Theologen, die es durch absurde Feinheiten der Gnade ins Unverständliche verdammten. John Locke ist vielleicht der erste, der einen Faden durch dieses Labyrinth fand….Zunächst zeigt er, wie absurd die Frage eines freien Willens ist, und dass Freiheit nicht mehr zu Wille gehört, als Farbe und Bewegung.

Was heißt es „frei“ zu sein? Es heißt „fähig“ zu sein – sonst ergäbe es keinen Sinn. Aber, für den Willen „fähig“ zu sein, ist prinzipiell genau so lächerlich wie zu sagen, Wille ist gelb, blau, rund oder quadratisch. Zu wollen bedeutet zu wünschen und frei zu sein bedeutet fähig zu sein.

Nehmen wir an Sie besteigen ein Pferd, dann müssen Sie die absolute Wahl treffen zu reiten oder nicht. Einen mittleren Weg gibt es nicht. Es ist daher notwendig unbedingt zu entscheiden: ja oder nein. Bis hier wurde demonstriert, dass Wille nicht frei ist. Sie wollen aufs Pferd steigen – warum? Eine Ignorante Person würde antworten: „weil ich es will“. Die Antwort ist idiotisch, denn nichts geschieht oder kann geschehen ohne Grund, ohne Ursache. Deswegen muss es einen Grund geben für Ihren Wunsch! Vielleicht hat sich der angenehme Gedanke ein Pferd zu reiten in Ihrem Gehirn geformt, dieser ist nun der dominante Gedanke, der bestimmende Gedanke.

Sie mögen sagen, kann ich der Idee nicht widerstehen, die mich dominiert? Nein, denn was wäre der Grund für den Widerstand? Es gibt keinen. Durch den Willen kann man nur einem Gedanken gehorchen, der, welche die größere Dominanz besitzt!

Ich weiß nicht wie Gedanken in mein Gehirn gelangen, ebenso wenig wie ich weiß, wie das Universum entstanden ist, aber Sie empfangen alle Ihre Ideen und erfahren so von Ihren Wünschen, Sie wünschen deshalb notwendigerweise. Das Wort „Freiheit“ hat deswegen ebenfalls keinerlei Beziehung zu Ihrem Willen. Der Wille ist folglich keine Fakultät die man frei nennen könnte. Freier Wille ist ein Begriff der jeden sinnvollen Inhalt entbehrt; und was die Scholastiker den Willen der Gleichgültigkeit nannten – wollen ohne Grund oder Ursache – ist eine Chimäre die es nicht lohnt zu bekämpfen.

Wo also befindet sich die Freiheit: In der Macht zu tun was man will. Ich will den Raum verlassen, die Türe ist geöffnet, ich bin frei zu gehen. Nun mögen Sie sagen: „Wenn die Türe geschlossen ist, und ich im Zimmer bleiben will, dann bleibe ich auch freiwillig“. Seien wir klar darüber: Sie üben dann Ihre Macht aus, die Sie besitzen um zu bleiben. Sie haben diese Macht, aber nicht die um zu gehen.

Die Freiheit über die so viel geschrieben wurde ist deswegen reduziert auf genaue Definitionen bezüglich der Macht und Fähigkeit des Handelns. In welchem Sinne sollten wir dann proklamieren: „Der Mensch ist frei!“ Eine große Leidenschaft, wie ein großes Hindernis, beraubt ihn seiner Freiheit – nämlich seine Macht oder Fähigkeit zu Handeln. Die Worte Freiheit und freier Wille sind deswegen abstrakte Begriffe und rein genereller Natur, wie Schönheit, Güte, Gerechtigkeit. Diese Worte bedeuten nicht, dass der Mensch immer schön, gütig oder gerecht ist. In ähnlicher weise ist er nicht immer frei.

Wenn Freiheit nur die Macht zum Handeln ist, dann was ist diese Macht? Es ist der Effekt der geistigen Verfassung und körperlicher Zustand. Wenn z.B. Leibnitz an einem mathematischen Problem arbeitet, während eines Wutanfalls, fehlt ihm die Freiheit das Problem zu lösen.
Ein leidenschaftlicher junger Mann hält in blinder Liebe seinen Schatz in den Armen, ist er frei seine Besessenheit zu unterdrücken? Sicher nicht. Er hat zwar die Macht (oder Fähigkeit) zum Genuss, aber nicht zur Unterdrückung seiner Gefühle. Deswegen bestimmte Locke die Freiheit als Macht. Was kann den jungen Mann zwingen sich zurückzuhalten: Wenn er von einem stärkeren Gefühl oder Gedanken beeinflusst wird, der seine Leidenschaft übertrumpft.

Es ist vergeblicher Vorwitz zu behaupten, dass ohne die vermeintliche Freiheit des Willens alle Mühe und Lohn nutzlos sind. Die Vernunft führt uns zu gegenteiliger Erkenntnis.

Wenn ein Bandit hingerichtet wird, vor den Augen seines Komplizen, hat dieser die Freiheit nicht davon abgeschreckt zu sein. Wenn sein Wille aus sich selbst heraus bestimmt wird, kann er von dem Richtplatz gleich zu seinem nächsten Verbrechen übergehen. Wenn das horrende Erlebnis der Hinrichtung ihn aber übermannt, wird ihn die Furcht vor ähnlicher Strafe von weiteren Taten abhalten. Die Strafe seines Komplizen wird nur nützlich für ihn und die Gesellschaft sein, solange dieser ehemalige Verbrecher eben KEINEN freien Willen besitzt.
Danach ist Freiheit nur, und kann nur sein, die Macht oder Fähigkeit zu tun was man will.

(Übersetzung aus „Voltair’s Philosophical Dictionary“ Chapter Free Will.)

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3 Gedanken zu „FREIER WILLE – ABSURDITÄT ODER BEDROHUNG?

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