MIT HARTZ IV INS MITTELALTER

 Der französische Politiker und Historiker Alexis de Tocqueville (1805 – 1859) reiste nach Amerika und England für seine gesellschaftlichen und politischen, vergleichenden Studien. In England interessierte er sich besonders für die Ursachen der hohen Armutsrate, des Pauperismus. England galt damals als das wirtschaftlich reichste und sozial fortschrittlichste Land; dennoch lebte schon ein sechstel seiner Bevölkerung von der öffentlichen Wohlfahrt. Sein Werk Memoir on Pauperism, legte er 1835 der Akademischen Gesellschaft von Cherbourg vor. Darin protokollierte er akribisch, unter anderem, exemplarische Magistrats-Verhandlungen über die Gewährung von Sozialzahlungen, aus den Steuerfonds der lokalen Distrikte an angeblich verarmte Antragssteller.

Offizielle Armut war damals ein praktisch irreversibler Status. Als Pauper besaß man das Stigma einer Person, die für immer als unfähig galt, selbstständig zu überleben oder jemals produktive Arbeit zu leisten. Ein Problem war auch, dass sich die Bedürftigen nur an die Verwaltungsstellen in ihrem Bezirk (counties) für Unterstützung wenden konnten. Dieser Umstand machte sie ortsbekannt als „gesellschaftlich untaugliche Subjekte“ und verhinderte die Arbeitssuche und die Flucht vor ihrem Ruf in andere Landesteile.

Bis sich der König von England, Heinrich VIII (1491 – 1547) mit dem Papst anlegte, kümmerten sich die Klöster um die Bedürfnisse der Armen. Die Mönche versorgten die Untersten der Gesellschaft mit Almosen, Kleidung  oder Mahlzeiten. Diejenigen unter den Bedürftigen, die noch arbeitsfähig waren und nur unter einer zeitweiligen Pechsträhne litten, konnten so noch frei umherziehen, auf der Suche nach neuen Chancen und ohne ihren Status als potentielle produktive Arbeitskraft zu verlieren.

Allerdings, als einen weiteren Schlag gegen die Römisch Katholische Kirche, begann Heinrich VIII unter anderem, mit der Auflösung der englischen Klöster und beschlagnahmte ihren Landbesitz. Seine Tochter Elizabeth war so berührt von der nunmehr offensichtlicheren Armut, dass sie sich für eine institutionalisierte Unterstützung einsetzte. So erblickte dann im Jahre 1543 das erste Gesetz für eine staatliche  Fürsorge das Licht der Welt.

 Bei seinen Besuchen der Magistratssitzungen über die Entscheidungen von Sozialhilfen, beobachtete ein sehr erstaunter Alexis de Tocqueville, wie viele der Antragsteller versuchten, „scheinbar frei von aller Scham und ohne Angst vor dem Verlust ihrer Würde“, sich „die staatlichen Almosen zu erschleichen.“ Da sprachen beispielsweise gesunde, arbeitsfähige Männer vor und angeblich alleinstehende Frauen mit Kindern, deren Ehemänner sich vor Unterhaltszahlungen drückten. Die Magistrate recherchierten genau die Hintergründe, hörten Zeugen oder Vormunde und holten unwillige Ehepartner zur Vernehmung. Nach diesen öffentlichen Verhandlungen, sollten jeweils nur die miserabelsten und nachweisbar arbeitsunfähigen, die verkrüppelten, alleinstehenden Alten und geistig verwirrten Antragssteller die öffentliche Unterstützung erhalten, was eben oft nicht geschah.

In seinem „Memoir on Pauperism“ untersuchte de Tocqueville die Ursachen der rapide ansteigenden Zahl von registrierten Bedürftigen und stellte fest, dass sich der  Pauperismus proportional mit einer Vergrößerung des allgemeinen Wohlstandes ausbreitete. Er registrierte: „Jede institutionalisierte Form einer gesetzlich geregelten Sozialhilfe erzeugt eine unproduktive und faule Klasse. Das ist eine unvermeidbare Konsequenz, wenn nicht gar das sofortige Resultat“. Dazu schrieb er noch detaillierter: „Das Gesetz (nach dem eine Gesellschaft für sozial Schwache besteuert wird), entzieht einem Wohlhabenden einen Teil seines Angesparten, ohne seine Zustimmung, der den Armen nur als gierigen Fremden sieht, den der Gesetzgeber dazu einlädt, seinen Reichtum zu teilen.“ Und weiter: „Der Arme, andererseits, empfindet keine Dankbarkeit für einen Nutzen der ihm sowieso niemand nehmen kann und der ihn aber auch nicht ganz befriedigt.“

Allerdings stellte de Tocqueville am Ende des ersten Teils seiner Arbeit auch die Fragen, (ungefähr ein Vierteljahrhundert vor Marx): „Ist es unmöglich ein konstanteres und exakteres Verhältnis zwischen den hergestellten und den konsumierten Produkten zu schaffen?“ Und: „Kann der Arbeiterklasse geholfen werden, Ersparnisse zu akkumulieren, die es ihnen erlaubten, in Zeiten von industriellen Flauten, auf eine Verbesserung der Wirtschaftslage zu warten, ohne zu sterben (sic)?“.

Entgegen dem Rat des englischen Gelehrten und Demographen Thomas Malthus (1766 – 1834) wurden die Armutsgesetze Englands nicht aufgehoben, sondern nur ohne wesentliche Änderungen reformiert. Malthus schrieb das nach ihm benannte Bevölkerungsgesetz (welches Charles Darwin als Anregung zur Entwicklung seiner Evolutiontheorie diente.) Malthussche Studien beeinflussten übrigens auch Karl Marx und Mao Tse-Tung.

Interessanterweise, hatte Thomas Hobbes in seinem „Leviathan“  Mitte des 17. Jahrunderts über die Sozialleistungen seines Modell-Staates sinniert. Im Teil II, Kapitel 30. schreibt er unter Publique Charity:  „And whereas many men, by accident unevitable, become unable to maintain themselves by their labour; they ought not to be left to the Charity of private persons; but to be provided for, (…) by the Lawes of the Common-wealth.“ Und unter Prevention of Idleness: „But for such as have strong bodies, the case is otherwise: they are to be forced to work; and to avoyd the excuse of not finding employment, there ought to be such Lawes, as may encourage all manner of Arts; as Navigation, Agriculture, Fishing, and all manner of Manifacture that requires labour“ (sic).  Zuletzt wollte er diejenigen Sozialempfänger, für die man in England absolut keine Arbeit auftreiben konnte, in die Kolonien schicken.

Konzepte und soziale Dynamiken von staatlicher Unterstützung haben sich seitdem nicht verändert. Das würde voraussetzen, dass sich die Grundeigenschaften der Menschen verändert hätten. Haben sie das?

Zitat des Tages: „Nichts Gutes entsteht zu Lasten einer anderen guten Sache“

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