SO MACHT KAPITALISMUS SPASS [ I. TEIL ]

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Nach einem Index der Heritage Foundation und The Wallstreet Journal, besitzt Hong Kong weltweit die größte wirtschaftliche Freiheit. Der berühmte Ökonom und Nobel-Preisträger Milton Friedman (was immer auch man von ihm halten mag) hat das Gebiet als das größte Experiment des Laissez-faire Kapitalismus bezeichnet, dabei ist das Experiment schon lange das erfolgreichste Wirtschaftsmodel.

In Deutschland besteht eine gewisse kapitalistische Struktur innerhalb der Demokratie. In Hong Kong bestehen gewisse demokratische Strukturen innerhalb des Kapitalismus. Während der gesamten Geschichte Chinas, durchlebte seine Bevölkerung alle bis jetzt praktizierten gesellschaftlichen Systeme. Tradition, Gewalt, Überlistung oder Abstimmungen brachten Feudalismus, Kaisertum, Faschismus, Kolonialismus, Kommunismus und Sozialismus. „Demokratie“ stand nie auf einem chinesischen Menü. Persönliche Freiheit und gleichberechtigte Chance zur Selbstverwirklichung winkten in der kleinen britischen Kolonie am südlichen Zipfel der Provinz Guang Dong (Kanton). Wer einmal Hong Kong erreicht hatte, konnte in Sicherheit und unter dem Schutz der Englischen Krone ohne Formalitäten ein neues Leben beginnen – er musste nur für sich selbst sorgen.

Christliche Missionsschulen ermöglichten freien Unterricht. Arbeit gab es überall und kommerzielle Ideen konnten sofort unbürokratisch und praktisch ohne behördliche Hindernisse umgesetzt werden. Löhne für einfache Tätigkeiten waren zwar niedrig, aber so waren die Unterhaltskosten. Den Tüchtigen und Einfallsreichen mit unternehmerischem Talent waren dafür kaum Grenzen gesetzt und Verdienste waren abgabenfrei. Jeder arbeitete rund um die Uhr, ob jung oder alt. Erdgeschosswohnungen fungierten gleichzeitig als Ladengeschäfte, bei denen man vom Inhaber zu jeder Tages- oder Nachtzeit bedient wurde. Sie brauchten um 3 Uhr morgens einen Plastikeimer, ein Fläschchen Essig oder eine Glühbirne? Dann gingen Sie zum nächsten Nachbarschafts-Laden und hämmerten mit der Faust gegen den Metallrollo -und: Bitte schön! In ein paar der älteren Vierteln klappt das auch noch heutzutage.

England war nach dem 2. Weltkrieg pleite und musste ein amerikanisches Darlehen von 3.5 Milliarden Dollar zurückzahlen (die letzte Rate war übrigens 2006). Seitdem war das Empire bemüht, sich schnellstens, und vor allem friedfertig, von seine Kolonien zu lösen. Das Maoistische China sträubte sich bis dahin gegen Bedingungen, welche die Gebietsübergabe für die Hong Konger Bevölkerung akzeptable machten. Eine Entkolonialisierung, welche das bisherige offene Gesellschaftssystem drastisch verändert hätte, wäre unmöglich gewesen. Die Menschen, die schon einmal alles riskierten um einer tragischen Situation zu entfliehen, konnte man nicht wieder in den feurigen Rachen des nördlichen Drachen-Monsters zurückwerfen. Das hätte sofort eine universelle Panik und unkontrollierbare menschliche Katastrophe ausgelöst.

Erst als der relativ pragmatische Reformer Deng Xiaoping, den Kommunistischen Parteivorsitz 1978 übernahm, gelang der Britischen Regierung unter Margaret Thatcher 1982 schließlich die Unterzeichnung der „Sino-British Joint Declaration“. Deng Xiaoping bezeichnete das neue Arrangement als „One country, two systems“ Konzept. Dieser Vertrag verspricht die Kontinuität der gegenwärtigen gesellschaftlichen und administrativen Institutionen nach 1997, für weitere 50 Jahre.

Etwa zur der Zeit, nachdem sich die Britische Weltmacht aus dem Indischen Subkontinent zurückzog, konkurrierten Frankreich und Belgien in Afrika und Indochina noch um den Titel der unbeliebtesten Kolonialmacht. Mit dem zurückgelassenen Chaos in Vietnam und algerischen Sprengstoffattentaten bis Ende der 60er Jahre, gingen die Franzosen aus diesem Wettbewerb als klare Sieger hervor.

In Hong Kong hatten die Briten, wie in allen ihren Kolonien, für eine übersichtliche, effiziente und weitgehend korruptionslose Bürokratie gesorgt. Verlässliche Sicherheitsorgane, Infrastruktur, kulturelle Einrichtungen, Bildungsstätten und natürlich die englischen Klubs und Freizeitanlagen, schafften die grundlegenden Lebensbedingungen für eine funktionsfähige und vielseitige Gesellschaft. Dieser „Barren Rock“ (karger Felsen), wie die Engländer Hong Kong einmal bezeichneten bot, außer seiner strategischen Lage, einen perfekten, natürlich geschützten Hafen. Sein früher Status als offene Freihandelszone erlaubte zollfreie Ein- und Ausfuhren. Bis zur Ansiedlung der Fertigungsindustrien, waren der internationale Handel und die Schifffahrtsbetriebe für lange Zeit die Hauptarbeitgeber.

Die Einwohnerzahl ist heute rund 7.5 Millionen, mit 285.000 „Domestic Helpers“ (Haushaltshilfen, meist von den Philippinen und Indonesien, die mit jährlichen Arbeitsverträgen vorübergehend einreisen dürfen.) 2010 wurden ganze 2.340 illegale Einwanderer aus dem chinesischen Mutterland bei Personenkontrollen entdeckt und abgeschoben. Diese Zahl repräsentiert vielleicht 5 Prozent der gesamten undokumentierten Personen. Es herrscht dort praktisch Vollbeschäftigung. Binnenwirtschaftlich spielen die Europäer keine Rolle mehr. Noch bis 1985 war dies ein gewohntes Bild auf den Straßen Hongkongs: Chinesische Polizisten mittleren Alters, mit wettergegerbten, erfahrenen Gesichtern patrouillierten in blauen Uniformhemden. Sie salutierten blut-jungen, bleichgesichtigen britischen Offizieren die weiße Hemden trugen, kaum Chinesisch sprachen und nahezu ahnungslos von der Situation in ihrem Revier waren. Das hat sich grundlegend geändert. Diejenigen Kolonialbeamte, die in Hong Kong unbedingt verbleiben wollten, mussten die gleichen Arbeitsbedingungen wie ihre chinesischen vorherigen Untergebenen akzeptieren, zusammen mit drastischen Gehaltskürzungen und null Chancen auf weitere Beförderung. Die meisten hochrangigen Offiziere haben eine frühzeitige Pensionierung in England vorgezogen.

Man bekommt heutzutage als Zugereister aus dem westlichen Ausland praktisch keine vernünftige Anstellung mehr – außer man hat wirklich eine ungewöhnliche und spezifische Qualifikation, für die man gerade keinen Chinesen findet. Bemerkenswerterweise, kommen jetzt doch wieder junge Engländer nach Hong Kong. Diesmal stammen sie jedoch von einer unteren Schicht. Sie versuchen sich hauptsächlich als Baristas, Discjockeys, oder Fitnesstrainer in Firmen welche den Chinesen gehören. Sie träumen natürlich von der Eigenständigkeit, aber eine Geschäftseröffnung in der Hong Kong SAR benötigt ernsthafte Finanzierung. Wichtig ist, dass eine Firmengründung zwar teurer geworden ist, dass es aber schnell, ungehindert und unbürokratisch über die Bühne geht. Und, dass der „Lohn der Angst“ in die Tasche des Risikoträgers wandert.

Außer den öffentlichen Institutionen, die für ein Minimum an einer effizienten Verwaltung absolut notwendig sind, und einen Gesetzesrahmen, der die Unversehrtheit und Güter des Einzelnen schützt, ließ man die Menschen sich nach ihren Fähigkeiten und Ambitionen frei entfalten. Die Hong Konger Regierung schaffte sich bewusst kein Klientel, welches die Bedienung seiner Wünsche fordern würde. Das machte das Regieren von Hong Kong außerordentlich billig. Die Abwesenheit von aufwendigen sozialen Geschenken, bewahrt die Bevölkerung weitgehend vor hoher Besteuerung und der Bürger zahlt nur für beanspruchte und geleistete Dienste der Behörden. Die effiziente Bürokratie arbeitet unter betriebswirtschaftlichen Bedingungen und es gibt kaum eine Behörde, welche nicht mindestens kostendeckend arbeitet.  Ein großer Teil der Bevölkerung hatte noch nie Steuern bezahlt, die Oberschicht wird mit maximal 17 Prozent taxiert, Aktiengesellschaften mit 16.5 Prozent. Die persönliche maximale Besteuerung von 17 Prozent lässt sich noch reduzieren, durch das Registrieren einer einfachen Privatfirma. Im Haushaltsjahr 2010/2011 besaß die „Hong Kong Special Administrative Region“ (SAR), wie die ehemalige Kolonie nach 1997 offiziell genannt wird, einen Überschuss von mehr als 9 Milliarden Dollar, mit ähnlichen Projektionen für 2011/2012. Die Gesamtreserven belaufen sich auf circa 130 Milliarden. Diese gigantischen Haushaltsüberschüsse wurde für die Administration jetzt peinlich und die Hong Konger verlangten von ihrer „Staatskasse“ davon wieder etwas zurück. Die Regierung hatte schon zuviel Geld der Leute eingesammelt.

Schon im Jahr 2008 wurde beschlossen, die Bevölkerung, in der sich ausweitenden globalen Finanzkrise, vor einer Inflation zu schützen und bezahlte einfach die Stromrechnungen für jeden Haushalt bis 2009. Danach übernahm die SAR noch circa 15 Euro monatlich per Haushalt bis Juni 2012. Die Grundsteuerforderungen wurden auch noch für 2 Jahre suspendiert. Aber der finanzielle Überfluss hielt sich hartnäckig! So gab es 2011 Steuerermäßigungen bis zu 75 Prozent und werden wahrscheinlich vorerst beibehalten, bis die Regierung weniger Überschüsse verzeichnet. Zu guter Letzt, um den lästigen Geldmengen entgültig den Garaus zu machen, bekam jeder Einwohner, der einen der begehrten ID Cards (zu der jeder Einwanderer nach 7 Jahren berechtigt ist, unabhängig der Nationalität) besaß, 600 Euro auf sein Konto überwiesen. Alles gute Gründe, für die Einwilligung der Chinesischen Zentralregierung, nicht in die erfolgreichen Bedingungen der Hong Konger SAR einzugreifen und die Bevölkerung zu verunsichern.

9 Gedanken zu „SO MACHT KAPITALISMUS SPASS [ I. TEIL ]

  1. Falls von der DEUTSCHEN Regierung die Rede ist:
    sinnlos. Die lernen doch leider nichts, weder in 2 Wochen, noch wenn man sie Lebenslänglich verschickt.
    Zudem ist Deutschland wesentlich weniger souverän als Hongkong!

  2. Mir wird ganz warm um´s Herz!
    „Die Abwesenheit von aufwendigen sozialen Geschenken, bewart die Bevölkerung weitgehend vor hoher Besteuerung und der Bürger zahlt nur für beanspruchte und geleistete Dienste der Behörden. Die effiziente Bürokratie arbeitet unter betriebswirtschaftlichen Bedingungen und es gibt kaum eine Behörde, welche nicht mindestens kostendeckend arbeitet.“ Das sind Zustände, von denen wir hier nur träumen können. Und trotzdem leisten wir uns die Arroganz, über die unmoralischen und menschenverachtenden Zustände herzufallen.

    • Wenn Leute keine Zettelchen mit einem Kreuzchen drauf in eine Box werfen dürfen um ihrer Verdummung Legitimität zu verleihen, dann ist das schon eine brutale Verachtung der Menschenrechte par exzellence.

  3. Ich frag mich grad was in Hongkong mit denjenigen geschieht, die nicht die unternehmerische Brillianz haben, dort zu überleben. Was ist mit den Schwachen, Behinderten, Unfähigen? Bleiben auf der Strecke? Ich mein, so ganz ohne soziale Geschenke… Hört sich nicht sehr erstrebenswert an. Aber ich bin eh kein Stadtmensch…

    • Habe auf diese Frage gewartet. Die Antwort kann man zwar zwischen den Zeilen schon herauslesen, wird aber in der nächsten post „frontal“ beantwortet. Es ist frappierend einfach. Stay tuned!
      Danke für Ihren Kommentar.

  4. Pingback: Weg von Deutschland, nur wohin? | Martin Schweiger

    • Hallo! Danke für Ihren Kommentar.
      H.K. ist seit 1997 die S.A.R. von China. Die Region hat nicht nur alle internationalen crashs mitgemacht (die übrigens jeweils extremer ausfielen), sondern hatte noch eigene spezifische crashs. H.K. hatte sich aber stets schneller und zuverlässiger wieder eingependelt, weil der Markt durch Regularien nie über-oder untersteuert wird.
      Bin seit 1975 Resident und es gibt keinen Ort der sicherer ist oder verlässlicher verwaltet wird. Mit Respekt, bei der Sperrmüll und ‚Notfallkoffer‘-Geschichte liegt es vielleicht an der Art der Geschäfte dieser ‚Profis“, die eine Startbereitschaft überall in der Welt erfordern würde.

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