ORGANISATION UND MORAL

Ein neues Buch, an dem ich arbeite, behandelt u.a. die Moral in allen Bereichen der Gesellschaft im Allgemeinen, und der deutschen im Besonderen. Bei meiner Vorbereitung für diese schwierige Aufgabe, habe ich eine kleine Bibliothek an Referenz-Literatur herangezogen, zusätzlich zu meiner schon recht umfangreichen Schriftensammlung.

Dabei landeten einige interessante Texte auf meinem Arbeitstisch. Die meisten der Autoren hatte ich nie gelesen, so auch von einem Prof. Günther Ortmann, der den vielversprechenden Titel „Organisation und Moral“ verfasste (Velbrück, 2010). Hier erhoffte ich mir Hilfe und Anregung, für einige der Fragen, die ich mir in meinem Werk gestellt habe.

Die Enttäuschung kam nach den ersten paar Seiten (Ich werde hier keine eigene Rezension anbieten, zitiere aber einen Absatz aus dem Netz*)

Ortmann bezieht sich zunächst auf das Stichwort der „organisierten Unverantwortlichkeit“ von Beck und auf die These von Hans Geser, derzufolge Organisationen eine größere Vernunftfähigkeit und Moralfähigkeit haben als Individuen, mit der impliziten Schlussfolgerung: „Organisationen können mehr also sollen und müssen sie auch mehr.“

Dies ist zwar eine grammatikalisch einigermaßen verständliche Aussage, leider fehlt dem Inhalt Vernunft und Logik. Ortmann analysiert, beschreibt und bringt Fall-Beispiele von Organisationen und Konzernen, welche zu verschiedenem Grade „unmoralisch handelten“. In einem endlosen Schwall von betriebswirtschaftlichem Jargon, Theorien, Phänomenen und akademischer Formelsprache kämpft er sich mühsam am eigentlichen Problem vorbei. Wie man an dem obigen Zitat erkennt, ist ihm das – wie vielen anderen modernen Wirtschafts- und Gesellschaftsautoren – prächtig gelungen.

Nur der Mensch ist fähig zur Moral, wie auch zur Vernunft. Eine Organisation ist ein abstrakter Begriff für eine Wertelose Entität; er ergibt nur Sinn im Bezug auf ihren Gründer oder ihre Betreiber. Beschreibt man also eine Organisation, so bezieht sich das Resultat zunächst auf ihren Aufbau, Zweck und Funktion (dieser Text betrifft natürlich nur legale und keine mafiösen Strukturen). Die ethische Leitkultur und die Werte ihrer Mitarbeiter entstehen aus den Vorgaben der Führung des Betriebs. Diese Trennung gilt beispielsweise, oder insbesondere, auch für Religionsgemeinschaften, wie die Kirche.

Wenn Großkonzerne mit staatlichen Sanktionen belegt werden (z.B. das Zahlen von Konventionalstrafen) so ist dies widersinnig und unmoralisch. Erstens leiden darunter nur die Arbeiter und privaten Aktionäre, also unbeteiligte Personen; zweitens enthält der Sinn einer Strafe einen ethischen Erziehungsfaktor, da staatliches Recht nicht auf Rache basiert. Ein seelenloses Konstrukt lässt sich aber weder erziehen noch zur „Einsicht“ bringen. Das funktioniert (wenn überhaupt) nur bei Menschen.
Wir haben in der Vergangenheit an einigen prominenten Beispielen erlebt, wie große Organisationen zusammenbrachen und ganze Wirtschaften in die Tiefe zogen. Und da „akademisieren“ Leute wie Prof. Ortmann an dem warum und wieso herum, als ginge es um die Erklärung des Universums. Säubert man einen betrügerischen Laden von seiner gesamten kriminellen Besatzung, dann entweicht auch das „Böse“ aus den leeren Büroräumen – das ist kein betriebswirtschaftliches Phänomen, sondern praktischer Exorzismus!

Wie verhindert man, dass ein Monsterkonzern seine Mitarbeiter mitsamt den Kunden und Gläubigern frisst, oder – in anderen Fällen – die Umwelt versaut? Indem man jeden Mitarbeiter, von oben bis unten, für seinen Bereich direkt verantwortlich hält.
Ein Anfang wäre ein Einstellungstop fachfremder, unkundiger Aussichtsräte und das Minimalisieren bürokratischer Strukturen. Ethik und Moral wurden – als zwei der wichtigsten gesellschaftlichen Begriffe – seitens unserer Regierungen ihres Inhalts beraubt und dadurch gibt es auch kaum noch Menschen in autoritärer Position, die darüber Urteile fällen könnten.
Die enge Verbindung von Vernunft und Moral wird bewusst verneint. Die Vernunft mutierte, mit staatlicher Hilfe, zum Pragmatismus dem ethisches Handeln untergeordnet wurde.

So muss man dann hoffen, dass die Meister der betriebswirtschaftlichen Pathologie diese Organisations-Formeln und Mythen entschlüsseln. Jedoch, wie man einer Organisation „moralische Verantwortung überträgt“ ist mir ein Rätsel. Wenn ein Betrieb überwiegend aus Mitarbeitern besteht, die selbst kein Wertesystem oder vernunftbezogene Moral besitzen, bräuchte es nicht die volle Wucht staatlicher Auflagen bis in die kleinsten Nischen, um solch eine Superstruktur auf dem ethischen Pfad zu halten? Wenn aber, wie man ja weiß, die Regulatoren vom selben amoralischen Holz geschnitzt sind wie ihre Geregelten, sieht es düster aus für einen „moralischen“ Weltkonzern.

So schlussfolgert Ortmann: „…dass Verantwortlichkeit mehr in Organisationen eingebaut werden muss. Da Moral der Funktionsfähigkeit von Organisationen auch dient (z.b. für Loyalität, Reputation etc.), ist sie diesen nicht wesensfremd, stellt sie aber vor Paradoxien. Bei der Organisation von Verantwortlichkeit geht es konkret um Modifikationen des Unternehmensstrafrechts im Sinne einer stärkeren strafrechtlichen Verantwortung korporativer Akteure, Corporate Social Responsibility, sowie Governanceethik und Wertemanagement.“

Donnerwetter. Ja, wenn was fehlt, baut man es einfach ein!
Diese Gehirne, die vor lauter Bildung das Denken verlernten, sind der
eigentliche Grund für die Entmoralisierung unserer Gesellschaft; den diese „Gelehrten“ besetzen Schlüsselpositionen im Bildungswesen, Gremien, Ausschüssen, Regierung und Konzernen. Vernünftiges Denken ist eine menschliche Einzelleistung. Ethisches Handeln ist ein Produkt dieser Vernunft, nicht von Staat oder Kirche, schon gar keiner Organisation..

*) https://www.socialnet.de/rezensionen/11991.php

8 Gedanken zu „ORGANISATION UND MORAL

  1. „Säubert man einen betrügerischen Laden von seiner gesamten kriminellen Besatzung, dann entweicht auch das „Böse“ aus den leeren Büroräumen – das ist kein betriebswirtschaftliches Phänomen, sondern praktischer Exorzismus!“

    Genial, das wird DAS Buch gegen AXA und SPD (in alphabetischer Reihenfolge, damit keiner von beiden Konzernen sich beschwert).

    Bei der AXA kommt natürlich hinzu, daß die Aktieninhaber genauso verantwortlich sind, was ihre Angestellten tun.

    Oh, wo wird das enden? Auch die Wähler wären dann ja . . .

    • Hallo Henker und Danke für Ihren Kommentar. Gut wieder von Ihnen zu hören. Die Großaktionäre sind sicher mitverantwortlich, sie segnen einiges ab. Der Wähler wird zum Komplizen dieses Systems.

      • Ich finde es ist für mich befruchtend, hier zu Lesen und der Gedankenaustausch macht mir einiges, das ich eigentlich vorher schon weiß, erst richtig klar. Der Satz mit dem Komplizen eben z.B.
        Der taugt für eine Wahlkampagane.
        Ansonsten bin ich der Meinung: Arabien von der Karte streichen, Israel kann gern bis Saba reichen!

      • Wer den Terror in Thailand und auf den Philippinen finanziert, der braucht auf gar keinen Fall Leopard-Panzer.
        Es sei denn, der Hersteller will sich auf die Seite des Terrors stellen.

    • Vielen Dank für Ihre Antwort. (Sie sind schon früh bei der Arbeit). Es würde mich freuen und ehren, wenn ich Sie zu meinen Lesern zählen könnte. Das Werk erscheint Anfang 2017 im Juwelen-Verlag. Ich habe Ihre Artikel vermisst, und jetzt wieder mehr Zeit (jedenfalls vorübergehend). Auf bald.

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