KULTUR – HINDERNIS ZUR MENSCHLICHKEIT?

Urteilt man über Geist und Handlungen einer Gesellschaft, so bewertet man deren Kultur. Über das letztere gibt es zu wenig Klarheit. Zunächst also: Was ist Kultur?

Kultur ist nicht nur Lederhosen, Volksfeste und Essstäbchen. Anthropologen definieren Kultur als „die Summe von dem Verhalten, den Ideen, Aktivitäten und Einstellungen, die von den Mitgliedern einer Gesellschaft geteilt und verbreitet werden, zusammen mit den materiellen Produkten ihres Schaffens.“ Und „die Kultur als Ganzes, ist eine komplex organisierte Struktur, welche aus den Nennern der Status seiner gesellschaftlichen Mitglieder bestehen“ (Ralph Linton, Professor der Anthropologie, Columbia Universität, „The Study of Man“, N.Y. 1936).
Die Art und Weise, wie man mit den Prozessen der Geburt, des Heranwachsens, der Entwicklung, des Alterns und des Todes umgeht, mit angemessener Berücksichtigung der Unterschiede von Alter und Geschlecht, ist Kultur. Die Bestandteile, in die man eine Kultur zerlegen kann, sind sehr zahlreich und beinhalten jede möglichen Aktivitäten oder geistiges Verhalten, wie Bräuche, Glauben, Praktiken und Regeln, welche die gesamten Varianten menschlicher Beziehung festlegen. Diese Kulturellen Institutionen, zu denen übrigens auch die Sprache gehört, sind die Mittel der gesellschaftlichen Kontinuität und effektive Instrumente für das soziale Gleichgewicht.

Wenn man sich diesen wissenschaftlichen Definitionen anschließt, offenbaren sich die politischen Probleme weniger als Symptome kultureller – also menschlicher – Wurzeln, sondern eher als Resultat gesellschaftlicher Konstrukte. Der Staat erbaut direkt, oder fördert diese (Macht-)Strukturen zur Manipulation und Kontrolle des Individuums. Das geschieht seit langem schon unter dem Vorwand sogenannter „sozialen“ oder „gemeinnützigen“ Institutionen. Gewerkschaften, Kirchen, Karitativ- und Sozialverbände und die Tausende von staatlichen, privaten und UN-gesponsorten Organisationen, Fördergruppen, Stiftungen, Aktionsgemeinschaften und NGOs. Zusammen bilden sie eine mächtige „Industrie“ einflussreicher (und reicher) Entitäten. Keine einzige davon repräsentiert die Masse der Bürger. Die größten und einflussreichsten Organisationen sind Selbstzweck. Dabei geht es z.B. um Steuervorteile und Abschreibungen (Stiftungen), Ermächtigung und Bereicherung (Gewerkschaften), Umwelt- und Klimaschutz (Ökoindustrie), Gender,- Minderheiten,- und Einwanderungsinteressen (Öffentliche Gelder & „Social engineering“). Nicht zuletzt ist die Todsünde der Eitelkeit der Speck der die Mäuse fängt.

Der erste Fehler ist der Anschein kultureller Fortschritte, jedoch: Es gibt keinen kulturellen Fortschritt per se – nur gesellschaftliche Anpassungen an wissenschaftliche und technologisch Errungenschaften. Ein altes muslimisches Sprichwort sagt: „Auch wenn du den Esel sieben mal um Mekka führst, am Ende bleibt es doch nur ein Esel.“ Der Mensch ist Teil der natürlichen Vielfalt. Seine geistigen Fähigkeiten, vermehren seine Diversität ins schier Unendliche. Erzwungene Gleichmacherei, in jeglicher Hinsicht, raubt der Menschheit diese geistige, kreative Vielfalt und hemmt so die wirtschaftlichen, technologischen und sozio-politischen Entwicklungen. Sind denn die Größen der Menschheitsgeschichte aus kommunalen Institutionen hervorgegangen? Kamen Kant und Goethe, Pasteur und Amundsen, Edison und Bismarck, Ford und Einstein, Krupp und Mao Tse-Tung, Gandhi und Churchill alle aus dem gleichen sozialen Milieu? Aus tiefer Armut kann weltverändernde Größe entstehen (Immanuel Kant) und großer Reichtum kann sozialen Fortschritt bringen (Friedrich Krupp). Und das Ganze funktioniert auch umgekehrt. Schon Goethe klagte: „…der mittlere Zustand der bürgerlichen Demokratie macht eine wahrhaft historische Größe unmöglich“. Darin erblickt man die einfachen Ursachen vom Niedergang der Weltreiche. Neben den logistischen Problemen riesiger Ausdehnung, waren es Homogenisierung und Standardisierung und damit das Aussterben hervorragender Talente der einverleibten Kulturen.

Gibt es den „Kampf“ Arm gegen Reich? Ich sage, er ist ein roter Hering der marxistischen Gespenster, die ums Verrecken den Löffel nicht gänzlich abgeben wollen. Warum spuken sie noch regelmäßig in den Köpfen der Zeugen des Niedergangs sämtlicher sozialistischer Systeme? Es ist nicht der Kapitalismus der sie zerstörte, sondern Einsicht, die Vernunft und das Urteil der Geschichte. Wer möchte sich auf den nächtlichen Friedhof der Volkswirtschaftstheorien begeben, mit dem „Kapital“, ein paar von Proudhons Tauschscheinen und Chomskys Schriften als Voodoo-Opfer, um die sozialistischen Geister wieder zu re-materialisieren. Diese „Zombies“ des Wohlfahrtstaats mutieren – teilweise seit Jahrzehnten – in Formen von Hartz IV, Zusatzrenten, Mindestlöhnen, Familiengelder, Förderungszuschüsse, Abschreibungen und anderen gesellschaftszerstörenden Subventionen. Wirtschaftsliberalismus und Neoliberalismus sind nichts weiteres als ein „Merkantilismus a la mode“. Der Kampf ist zwischen dem Staat und seinen Bürgern.

Das Ausland wird ähnlich beglückt, unter dem Mantel erklärter Notwendigkeiten. Außer den offiziellen Entwicklungshilfen, gibt es eine Vielzahl von Finanzströmen. Zwar nur ein paar Tropfen für Gebiete ohne unsere besondere Interessen, dagegen wahre Geldschwemmen für Länder, in denen jemals ein Deutscher nachweislich (oder auch nicht) seine kaiserlichen oder faschistischen Stiefel setzte, von Süd-West Afrika, bis Warschau. Das geht unter den Begriffen Wiedergutmachung und Entschädigung. Staatliche Institutionen (wie z.B. die Adenauer Stiftung) verbreiten demokratische Gesinnung bei Kaffee und Kuchen. Wahlen oder nicht, Korruption oder nicht, politische Morde oder nicht, die Hilfsgelder fließen dennoch – da haben eben die Rohstoffvorkommen und die Interessen der USA einiges mitzureden.

Zur Menschlichkeit

Menschen ohne Kultur gibt es nicht, wie es auch keine Vergangenheit ohne Geschichte gibt. Kultur ohne Menschlichkeit ist ein Contradictio in adiecto. Ebensowenig gibt es eine unmoralische Kultur, nur unmoralische Gesetze. Toleranz, Bescheidenheit, Mitleid und Großzügigkeit sind individuelle Eigenschaften – wie auch Gier, Neid, Egoismus und Ignoranz – mitnichten die einer Nation. Moralität und Werte bezieht der Einzelne aus seinen Erfahrungen, seiner Bildung, Verstand, Produktivität und Handlungen. Das Erstellen eines rationalen Werte-Systems ist eine Einzelleistung und kein Vermächtnis sozialer oder religiöser Institutionen. Weder Staaten noch ihre Institutionen sind moralischen Gebilde und sind deshalb ungeeignet zur Beurteilung oder Förderung ethischer Haltung.
Hier sind wir beim zweiten Fehler: Zuerst kommt der Mensch, danach die Gemeinschaft, dann der Staat, nicht umgekehrt. Macht es also Sinn, durch Strukturen die Menschen verändern zu wollen? Vermehrt(e) sich im Kommunismus die Toleranz, im Sozialismus die Bescheidenheit? Verbesser(te)n sich die Tugenden der Bürger mit Einführung sozialer Programme, mit der Aufnahme Millionen Migranten, mit Milliarden-Zahlungen an die „Opfer deutscher Konsumenten“? Es ist ein ewiges Problem für die Machteliten, ihre Mitmenschen durch Strukturen zu steuern.

Wenn man darüber spekuliert, was die Gesellschaft für die Armen tun sollte, akzeptiert man die kollektivistische Prämisse, dass die Leben der Bürger dem Staat gehören und dass dieser das Recht hat über sie zu verfügen, ihre Ziele für sie zu setzen und die Verteilung ihrer Mühen zu planen. Kein Mensch kann überredet werden, etwas freiwillig aufzugeben; deshalb sind alle sozialistischen Strukturen mit Zwang und Gewalt verbunden. Das bedarf dann schon der Hörigkeit des einzelnen auf ein System. Der Einzelne kann aber keine persönlichen Rechte auf eine andere Entität übertragen, ohne seine Moral oder ethischen Werte teilweise oder vollständig aufzugeben.
Wenn ein Ökonom – als Mensch – einen Schuster betrachtet, sieht er einen Mann der für seinen Unterhalt arbeitet. Aber als Ökonom sieht er jemanden mit dem Zweck, die Gesellschaft mit Schuhen zu versorgen. Hört er von der sozialistischen Doktrin, dass sämtlicher Besitz dem Staat gehören sollte, lehnt er das empört ab. Aber als Staatsökonom befürwortet er die „Pflicht des Staates“ den Wohlstand gerecht zu verteilen, als ob dieser ein soziales Gut sei.

Hier kämpfen also keine Klassen – die haben allerorts soziale Bedeutung. Bekämpft werden die Kulturen durch die staatlichen Mächte. „Menschlich“ sind wir schon seit Millennien, aber die Machtelite und Puppenspieler brauchen stets eine andere, von ihnen gesteuerte Menschlichkeit. Dabei ist das gewachsene kulturelle Erbe ein Hindernis. Belässt man den Menschen ihre Kultur, behalten sie auch ihre Menschlichkeit.

Zerstört der Wirtschaftsliberalismus die sozialen Systeme? Dieser Begriff ist keine Ursache, sondern beschreibt das Resultat eben einer Politik der Zerstörung menschlicher Ambitionen und Potentiale. Wäre die Wirtschaft liberal, wie der Begriff suggeriert, also wirklich frei, bräuchte es keine staatlichen Sozialprogramme, Bauern keine Subventionen, die Griechen keine Hilfe, die Afrikaner keine – als Geldautomaten getarnte – Pandora-Büchsen der Demokratie. Ist aber seine Bedeutung der, einer von der Wirtschaft gesteuerten liberalen Gesellschaft, dann wäre dies ein unüberwindbarer Wiederspruch. In beiden Fällen Beweis eines gezinkten, nicht-gleichberechtigten Kapitalismus. Erst eine kollektivistische Anschauung ermöglichte solche perverse Formen kapitalistischer Mechanismen. Armut ist kein Resultat einer liberalen Wirtschaft, sondern staatlicher Misswirtschaft, Ausbeutung und Korruption.

Barbara Branden wurde während eines Seminars einmal gefragt: “Was geschieht mit den Armen in einer freien kapitalistischen Gesellschaft?” Sie antwortete: “Wenn Sie ihnen helfen wollen, werden Sie nicht daran gehindert!” So verstehe ich eine freie und ethische Gesellschaft – mit Kultur und Menschlichkeit. Für die Regierenden ist die Demokratie eine bevorzugte Alternative zur Freiheit – sie lässt sich besser kontrollieren. Wie nennt man den radikalen, gewaltsamen Umbau politischer Syteme und staatlicher Strukturen, welche die Bürger in ihrer vernünftigen und freien Entfaltung behindern? Diesen Begriff werden Sie hier nicht lesen!

Anm:
Ich möchte hier auf einen besonders lesenswerten Blog „M7“ hinweisen:
https://form7.wordpress.com/2015/08/05/die-fundamentalistische-ideologie-der-neuzeit/ Dr. Gerhard Mersmann, Politologe, Journalist und Autor ist ein brillianter Interpret gesellschaftlicher Probleme. Seine Ansichten sind analytisch, gelehrt, neutral, kompakt und auf den Punkt. Seine letzten beiden Artikel gaben uns wichtige Anregung beim Entwurf dieses Essays.

10 Gedanken zu „KULTUR – HINDERNIS ZUR MENSCHLICHKEIT?

  1. Liebe alphachambers, ich bleibe einmal bei dieser Anrede,
    das ist richtig starker Tobak! Als Grundton sehe ich den Ansatz Stirners aus dem „Einzigen und sein Eigentum“ über diesen komplexen Ausfürungen surren. Zwar geht bzw. ging es ihm um einen Freiheitsbegriff, der individual-anarchistische Züge trug, aber es ging und geht auch um Verantwortlichkeiten. Ich stimme zu: Kultur ist ein Konstrukt, dass ohne die Verantwortung des Individuums nicht bestehen kann. Bei der inflationären Nutzung des Kulturbegriffs ist aber genau dieser Teil ausgeblendet. Schuld an zivilisatorischen Defiziten sind immer die anderen. Kultur beginnt mit der Selbstreflektion des Individuums und damit mit dem Heraustreten aus der selbst verschuldeten Unmündigkeit, um bei Kant zu bleiben. Die Institutionalisierung in den Massendemokratien hat aber die Entmündigung des Individuums zum Zweck. Also handelt es sich bei Kultur um eine Aporie? Nur das Individuum schafft sie, aber ohne Institutionen geht es nicht? Oder doch? Und wenn ja, dann wie?
    Beste Grüße aus dem turbulenter werdenden Abendland!

    • Hallo Herr Mersmann,
      vielen Dank für Ihren anregenden Kommentar.
      Ich schätze einige von Stirners libertären Ideen („Mir geht nichts über mich“) aber sie flossen nicht in dieses Essay. Ihre Bedenken richten sich gegen „Überbewertung“ von Kultur und ihren ideologischen Missbrauch, wenn ich das richtig verstehe? Die Gesellschaften mit den ausgefeiltesten ‚Kults‘ waren eben auch die Schlüssel-Stationen auf dem Weg der Zivilisation. Unsere Institutionen sind Teil der Kultur, also sehe ich keine Aporie.
      Mir war es wichtig zu (versuchen zu) beweisen, dass Zerstörung oder Unterdrückung von Kultur ein Volk kurzfristig gefügig macht, langfristig es zerstört. Zu dieser Annahme kommt auch Fukuyama („The Origins of Political Order“). Am besten lässt sich Kultur über die Sprache verstehen – die wichtigste kulturelle Institution.
      Beste Grüße

      • Lieber alphachamber,

        meine Kritik richtet sich gegen den Missbrauch des Kulturbegriffs aus ideologischen Zwecken. Ich stimme Ihnen zu, ohne Kultur und kulturelle Institutionen geht eine Nation zugrunde. Gerade die Ideologisierung der Kultur, für die die Deutschen sehr anfällig sind, trägt aber zu ihrer Demontage bei. Indem jede triviale Mystifikation als etwas Kulturelles bezeichnet wird, verliert die Kultur ihren Wert. Hinter der von Ihnen zitierten Sprache verbirgt sich dasselbe. Sie ist, ganz Ihrer Meinung, der Seismograph für Veränderungen. Und ein Terminus wie „Willkommenskultur“ offenbart die semantische Pleite, in der sich die Gesellschaft bereits befindet. Wäre Gastfreundschaft nicht elementarer?

        Soweit erstmal, vor dem Kaffee!

        GM

      • Guten Morgen!
        Exzellent. Ihre Replik bringt uns jetzt nahe an einzelne Sichtpunkte. Ich versuche so genau als möglich darauf zu antworten –
        n a c h meinem Kaffee

      • Hallo wieder:
        In welcher Hinsicht erkennen Sie einen besonderen Hang zur Ideologisierung der Deutschen zu Kult-ur (im Vergleich z.B. mit England und Frankreich)? Ich bin nicht sicher, ob „Willkommenskultur“ zur ’semantischen Pleite‘ gehört; den deutschen Neusprech halte ich für gezielte ‚Dekulturalisierung‘ (habe ich hier ein neues Wort geschmiedet?) Die Frage wäre: Was wird die Deutschen eher zerstören: Germanenkulte einiger Wirrköpfe zur Sonnenwende auf irgendeiner Alm – oder systematische Angriffe auf Sprache, Werte und Traditionen, die sich über die letzten 2000 Jahre bildeten und und nicht in den 12 der NS-Zeit.
        Einen schönen Abend.

      • Guten Morgen,

        die letzte Frage ist insofern müßig, als dass beides stattfindet und beides an der Entsubstanziierung der Kultur als Sinnstiftung arbeitet. Inflation bedeutet immer Entwertung, auch wenn das Ziel gerade anders herum gedeutet werden muss. Wer keine Kultur besitzt, redet sehr viel darüber. Die Kultur, die z.B. in Deutschland vorhanden ist, allein an Sprache, die liegt in den Archiven oder sie wird von staatlich beauftragten Beamten synthetisch beatmet, während die gelebte Sprache sich immer mehr zum restringierten Code entwickelt, der als Form des Denkens eher negative Prognosen zulässt. Das Wort geht der Tat voraus, schrieb Heine. Damit meinte er eine gedachte, kulturelle Prognose. Sehen Sie die irgendwo? Liegt es an den Fähigkeiten der Menschen? Die Kultur ist immer so elaboriert wie die Gesellschaft, die sie prägt!

        Wie wäre es mit einem Carajillo?
        G.M.

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