DIE DEUTSCHEN OPFER DES PRAGMATISMUS II.

[Eine Analyse des geistigen Zerfalls in 2 Teilen]
Rationalisierung und Pragmatismus
Anti-konzeptionelles Denken hat auch die Mentalität moderner Philosophen nicht verschont und führt allseits zu Rationalisierungen (man bedenke bitte, dass der Begriff „Rationalisierung“ hier etwas anderes bedeuted als wirtschaftliche „Rationalität“). Rationalisierung ist eine nachträgliche verstandesmäßige Rechtfertigung eines aus irrationalen oder triebhaften Motiven erwachsenen Verhaltens (Duden).
Es handelt sich um einen Prozess der Verdrängung oder Unterdrückung: Gefühlen werden andere Identitäten erteilt und ausschweifende Erklärungen und Begründungen erfunden um wahre Motive zu verstecken; nicht nur vor anderen, sondern hauptsächlich vor dem eigenen Bewusstsein – dazu eignen sich philosophische und politische Phrasen am besten. Rationalisierende Menschen können sich auf einzelne Begriffe konzentrieren, sind aber üblicherweise nicht in der Lage diese in Syllogismen zu integrieren.

Rationalisierung und Pragmatismus bestimmen schon lange nicht nur den Geist der Politik, sondern auch von Bildung und Kultur. Eine Reise zurück in unsere Geschichte ist wie eine Pauschalreise nach Nord Korea, wo der Tourist streng vorgeschriebenen Routen folgen muss: Er darf nur sehen was er gezeigt bekommt, hören was interpretiert wurde und unter ständiger Aufsicht einer Chaperone. Fragen sind nicht erwünscht und die Denkmäler der Märtyrer sind Pflicht. Auschwitz muss man sich einprägen, bis auf die letzte Ziegel und Zaunlatte, aber sein Erbauer sollte man vergessen und totschweigen.

Für die Rationalisten gibt es nicht die Geschichte, für sie es gibt eine gute und eine böse Geschichte – und da sie ja schon ihre Klassifizierung (gut und böse) erhielt, braucht man sich auch nicht weiterhin mit der Realität zu beschäftigen. Der aufmerksame Leser kann hier erkennen, warum es besonders in Deutschland so „viele Wahrheiten“ gibt: Der Preis der Rationalisierung ist ultimativ die Zerstörung der eigenen Erkenntniskraft und der Pragmatismus ist die endliche Bankrotterklärung des vernunftgemäßen Denkens und Handelns.

Die Gruppe – Schutz vor der Vernunft
Das soziale Leben einer pragmatischen Person mit anti-konzeptueller Mentalität hängt nicht von Ideen ab, sondern von anderen Menschen – den ähnlich gestrickten Mitstreitern. Dies ist die Grundlage für die Entstehung von Gruppen und Parteien. Sie bieten eine Heimat für Menschen die ihre geistige Legitimität nur durch zahlenmäßiges Auftreten bestätigen können. Was der anti-konzeptuelle Mensch am meisten fürchtet, sind die Fundamente der Philosophie, besonders der Ethik. Um sie zu begreifen und anzuwenden benötigt es eine längere, zusammenhängende, konzeptuelle geistige Kette, deren Verständnis (über die ersten rudimentären Glieder hinweg) sein Geist schon verhindert hat. Die gleichgesinnte Gruppe gibt seinen perzeptiven Vorstellungen eine Repräsentation durch die Anzahl ihrer Mitglieder.

Schutz vor anderen Ideen und rationalen Argumenten sind die Vorteile, die man durch sein Bekennen zu einer Gruppe oder Partei erlangt. Im Gegenzug, ordnet man sich unter ihre Dogmen, vorgefassten Meinungsschemas und Regeln. Diese Postulate sind der Schutz vor dem gefürchteten Reich des abstrakten Denkens. Mitglieder müssen sich die Loyalität ihrer Gruppe nicht verdienen – sie kommt automatisch, allein durch ihre Zugehörigkeit. Die persönliche Einstellung ist unwichtig, solange man das gemeinsame ideelle Mantra rezitiert – Der Wert der Basis liegt nicht in ihrer gedanklichen Kompetenz, sondern nur darin, dass sie der Gruppe zahlenmäßige Stärke verleiht. Die öffentliche Anerkennung ist ihr größtes Kapital.

Unsere politischen Parteien sind gute Beispiele. Unter diesen Betrachtungen ist es nicht wunderlich, dass sachbezogene Diskussionen über den Parteienrand hinweg schwierig sind – außer die Existenz beider Seiten steht auf dem Spiel, dann werden selbst noch die wenigen Prinzipien fürs Überleben geopfert. Bereits die Struktur einer Partei an sich verhindert schon die Ansätze jeden konzeptuellen Denkens. Wie sollte man Menschen, die sich dieser Mentalität verschrieben haben, guten Gewissens die Führung einer modernen und komplexen Nation überlassen?

Bedrohlich wird es, wenn Organisationen vorgeben, das „richtige“ Rezept für ein Problem gefunden zu haben. Da Gruppen und Parteien sich – durch Definition – auf dem (im besten Fall) eher durchschnittlichen gemeinsamen geistigen Nenner ihrer Mitglieder bewegen, ist es unwahrscheinlich, dass sie allgemeingültige, brillante Konzepte hervorbringen können. Welche der größten und wichtigsten Entdeckungen und Erfindungen der Geschichte entstanden durch „Teamwork“? Welche signifikanten gesellschaftlichen oder wissenschaftlichen Theorien wurden in Versammlungen „beschlossen“? Sogar Kriege beginnen konnten meist nur Individuen; Kriege zu verhindern gelang es dagegen bisher kaum einem Kollektiv!

Wozu allerdings populistische Gruppen sehr gut fähig sind, ist das Schmieden neuer Begriffe, um diese sodann als „unbestreitbar“ gute Dinge zu deklarieren – als unbedingt erstrebenswerte gesellschaftliche Ziele. Die Kanonisierung dieser Begriffe schützt ihre Verfechter vor lästigen rationalen Einwänden. Man analysiere Beispiele solcher Phrasen unter Anwendung des konzeptuellen Verstandes:
Erneuerbare          Energien
Soziale                   Gerechtigkeit
Bedingungsloses  
Grundeinkommen
Biologische           
Nahrungsmittel
Sexuelle                 
Gleichberechtigung
Das galaktische Gütesiegel einer 100% humanitären Sache verhindert schon im Ansatz jegliche Diskussion über den Sinn und Unsinn dieser Inhalte auf rationaler Ebene, in Anerkennung der Realität und unter dem
Gesetz der Identität. Gegen alle diese Ideen gibt es keine vernünftigen Einwände – dagegen stehen nur kapitalistische Interessen und menschenverachtende und planetenzerstörende (sprich: rechtsradikale) Ketzerei.

Existentiell ist die Entscheidung für die Entwicklung eines Wohlfahrtstaates auch für die Zerstückelung der Gesellschaft in Aktivisten-Gruppen verantwortlich; wobei jeder dafür kämpft, auf Kosten der anderen Gruppe, spezielle Privilegien zu erringen – sozusagen als außerparlamentarischer Soziallobbyismus. Der einzelne Bürger, der nicht zu wenigstens einer dieser Gruppen gehört, wird so zum „Freiwild“ des Aktivismus.

Rationalisierung von Missgunst und Neid
Der Neid ist eine weitverbreitete europäische Krankheit, von welcher die USA lange verschont blieben. Die meisten Amerikaner bewundern den Erfolg – weil sie wissen was dazu nötig ist. Sie glauben, dass der Mensch für seine Laster büßen muss – nicht für seine Tugenden. Jemand der vorschlägt einem Genie jegliche Leistung zu verbieten welche nicht auch für einen Idioten von Wert ist, kann kein anderes Motiv haben als Neid und Hass. Die Deutschen sind ein besonders neidisches Volk. Sie sind voller Spott und Häme für Politiker und prominente Opfer eines Missgeschicks, gleichzeitig aber werden diese im Falle ihres Erfolgs auch schnell Ziel moralischer Anklagen. Vielleicht liegt der Grund darin, dass der Deutsche niemals sein konnte und kann, was er gerne wäre – davor hat ihn seine kantische Moral schon bewahrt. Sein gönnerhaftes Mitleid gilt den untersten gesellschaftlichen Klassen, die ihm seinen sozialen Platz nicht streitig machen können.

Ausgenommen von der Missgunst der anti-konzeptuellen Gutmenschen sind Vertreter von Minderheiten, denen der Eingang in die Oberschicht gelungen ist. Obama, beispielsweise, wurde von den demokratischen Deutschen groteskerweise dafür bejubelt, dass er nicht von der Weißen Elite Amerikas diskriminiert wurde. Den Friedens-Oscar hatte er möglicherweise dafür bekommen, dass er nicht gleich nach seiner Wahl zu einem Rachefeldzug in die Südstaaten einmarschieren ließ. In den US gehen die politisch-korrekten Uhren schon längere Zeit anders.

Der Rationalist und Pragmatiker stößt sich nicht daran wenn ehemalige „Opfer“ es zum Celebrity-Status schaffen und mit ihren Auftritten und Autobiographien zu ungeahntem Reichtum kommen. Oder wenn z.B. wöchentlich einfache Menschen durch Lotterien und TV-Shows völlig unverdient (!) zu Millionären werden. Sie kümmern auch keine Filmstars, Sportler und Künstler (wenn sie nicht gerade ihre Steuern hinterziehen), die beispielsweise für ein paar Stunden gegenstandslose „Schmiererei“ bis zu 5 Millionen Euros „verdienen“ und dabei keinen einzigen Arbeitsplatz schaffen. Für Pragmatiker sind Kapitalisten nur solche Menschen die Unternehmen aufbauen und Arbeitsplätze schaffen – so was macht man doch nur aus Geldgier. Filmstars drehen aus Spaß, Fußballer kicken aus Freude und Künstler schaffen zu unserer Erbauung. So sahen das auch die Kommunisten.

Die Logik der Altruisten ist umwerfend: Wohlstand der aus Diskriminierung und Armut heraus entsteht gilt als moralisch, wogegen ein Wohlstand, der aus einer Position des Mittelstandes (oder einer schon erfolgreichen Schicht heraus entsteht) unethisch sein muss. Jeder verdiente Erfolg ist moralisch (wenn nicht, könnten wir uns ja gleich unseren Unterhalt zusammenstehlen), die Frage ist nur, wer entscheidet was verdient ist und was nicht.

Die Menschen suchen oft nicht nach Antworten, nur nach Bestätigung, dass es diese nicht gibt. Die modernen Relativisten tolerieren alles, außer Gewissheit und billigen alles außer Werte. Vielleicht wird in der Zukunft die Vernunft tatsächlich unwichtig und für geistige Führung in Zeiten von intellektuellem Notstand wendet man sich nicht mehr an den Verstand, sondern an die menschliche Kapazität des Leidens. Leiden und Mitleid werden die überragenden Werte, nicht die Vernunft. Moralische Revolutionen sind die schwierigsten, die herausforderndsten, die radikalsten aller Rebellionen. Die geistigen Barbaren können nur gewinnen, wenn nichts gegen sie unternommen wird. Der „Mittelweg“ ist so instabil wie ein Higgs-Boson. Die Wahl ist zwischen der rationalen Moral des Rechts eines Menschen zu existieren und dem Altruismus. Der erste Schritt ist die Ablehnung des letzteren.

17 Gedanken zu „DIE DEUTSCHEN OPFER DES PRAGMATISMUS II.

  1. danke, Herr Dozent! das ist eine Vorlesung im Fachbereich Philosophie. Ich würde gerne das Proseminar zu dieser Veranstaltung besuchen!😉 darf man erfahren, an welcher Hochschule die Lehrveranstaltungen stattfinden😉 ???

    • Hallo und Danke für Ihren Kommentar.
      Man nennt sie die ‚Universität des Lebens‘. Sie ist offen für jeden – nur, die meisten Menschen scheuen sich vor Ihren Noten.
      Beste Grüße

  2. Ich möchte Sie auf eine „Diskussion“ hinweisen über „Wissenschaft und was passiert wenn man die wissenschaftlichen Pfade verlässt:
    http://www.sciencedirect.com/science/article/pii/S0278691512005637

    Es geht hier um Wissenschaft vs politisische Wissenschaft. Die Bedenken sind rational begründet, gehen aber in den Zeitungen unter.

    Es gibt auch ein anderes Thema gerade über eine BUND Werbung.
    Was wir hier sehen ist genau Ihre Rationalisierung am Werk.

  3. Hallo FDominicus!
    Willkommen auf unserem Blog und vielen Dank für Ihre Kommentare und den Link. (Ihre beiden Kommentare rutschten für unerfindliche Gründe zunächst in den Spam-Folder. Glücklicherweise schaue ich öfter mal rein).🙂
    „Wissenschaft vs politische Wissenschaft.“ Exzellenter Hinweis. Auch beim „Klimawandel“ und der „Energiewende“ fiel mir das besonders auf.
    Leider fängt das schon auf unseren Hochschulen an.
    Nette Grüße

  4. Statt über die Schmiererei zu wettern, sollte mir die hier versammelte Elite lieber meine künslerisch überaus wertvolle Fetzen-Buchecke für 5 Millionen abkaufen!
    Ich bin jung (obwohl . . . als Kind hat mir der Löwe von Ostafrika in einer Kaserne über die Haare gestreichelt – war das peinlich) und brauch das Geld!

  5. Der geistige deutsche Zerfall trifft wohl so zu.
    Um eine Infizierung richtiger Länder zu verhindern, sollte Asien deutsche Flüchtlinge aufnehmen, aber für die Westerwelles die Grenzen schließen, deutsche NGOs rauswerfen und auch die Wühlarbeit der westlichen Sekten nicht länger erlauben.

    • Hallo FDominicus,
      vielen Dank – ist doch kein Problem. Habe es allerdings auch nicht geschafft nur den link für diesen Titel zu pasten. Der neue Link führt zu der ganzen Kindle Seite, mit mehreren Titeln. Aber so kann man es finden.
      Beste Grüße

      • Erst mal danke für den Tip, ich habe natürlich gleich zugeschlagen. Ich möchte dennoch noch einen anderen Link posten wo es relativ viel Stoff zur Österreichischen Schule zu finden ist.
        Englisch: http://freecapitalists.org/
        Deutsch: http://mises.de/public_home/topic/3

        Ich bin mir ziemlich sicher, Ihre Leser hier wissen von was die Rede ist, aber ich bezweifele das mehr als 1/10 der deutschen auch nur eine Ahnung hat was diese „Schule“ bedeutet. Ich denke wir sind hier wirklich länger als ein Jahrhundert ziemlich belogen worden. Von wegen keiner konnte es wissen und ähnliches.

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