IM GRIFF DER EMOTIONEN

In seiner Rolle als politischer Bürger versagt der Deutsche kläglich. Jahrzehntelang gab er willig und stetig seine Eigenverantwortung und persönliche Entscheidungsfreiheit an den Staat zurück. Allwissend, wohlwollend und der Allgemeinheit dienend, übernahm dieser gönnerhaft die Vormundschaft. Ein großer Anteil des Volkes merkt inzwischen freilich, wie ihr Vertrauen missbraucht wird, ohne jedoch die Kausalitäten richtig erfasst zu haben.

Die Beurteilung der eigenen Lage und der Umgang mit sozialen Situationen ist eine Leistung der Intelligenz. Diese muss jedoch mit Bildung und Wissen hinterlegt und regelmäßig trainiert werden. Forderungen sind aber passive Erwartungen, die ein kritisches und planvolles Denken behindern. Deutschland müsste seinen Bürgern enorme Vorteile bieten, mit einer (scheinbar) „freiheitlich-demokratischen“ Rechtsstruktur, Bildungschancen, durchlässigen Klassenstrukturen und Gleichheitsgeboten. Jedoch, obwohl Politik und Technologien den Arbeiter als Klasse verschwinden ließen, hat sich das Heer der Lohnsklaven eher vergrößert. Seit einigen Jahrzehnten funktioniert die BRD nicht mehr für ihre meisten Bürger – besonders, seit der Regierung Merkel, die das gesamte alte politische Spektrum in sich absorbierte.

Staatliche Animosität gegenüber der Vernunft und totale Hingabe zur Herrschaft der Emotionen resultierte in irrationale und widersprüchliche politische Konstrukte, z.B.: Das ehedem schon schräge Konzept einer „sozialen Marktwirtschaft“ ist zu einem Feudalsozialismus verkommen, und ein Falschgeldsystem hält die Bürger als Geisel. Gegenüber geförderten Konzernmonopolen und einer rücksichtslosen Herrschaft der Finanzmächte, stehen wirkungslose Sozialprogramme und der irrationale Altruismus der Einwanderung.

Über das Volk wird hinweg regiert mit unverschämter Arroganz und Selbstermächtigung, gepaart mit würdeloser Inkompetenz. Im öffentlichen Dialog, wurde die gesamte mittlere Begegnungsebene für Diskussionen zum Sperrgebiet. Freier, sachlicher Meinungsaustausch findet schon lange nicht mehr statt – er wurde durch öffentliche Tribunale ersetzt, in denen die Moderatoren als parteiische Scharfrichter fungieren, mit dem Auftrag, den Meinungsfeind zu zerstören. Eine neue Art des Faschismus wurde geschaffen, also genau die Gesinnung, die man vorgibt zu bekämpfen.

Akzeptiert man nun, dass der Staat auf grundgesetzlicher Basis das Volk repräsentiert, dann reflektiert diese Regierung (sowie vorhergegangene) auch die durchschnittliche Geisteshaltung der Deutschen. Wie kann es sein, dass eine Gesellschaft, die viele der besten Technologien weltweit entwickelt und in einzigartiger Präzision und Qualität produziert, gleichzeitig eine provinzielle Politik betreibt, mit nahezu peinlichem Unvermögen?

Der Ursprung dieser Dichotomie liegt in den geistigen Traditionen und im Bildungswesen der Deutschen, dessen philosophische Grundlagen sich seit Kant und Hegel nicht wesentlich veränderten. Es scheint, der Deutsche erstrebt eine Aus-bildung für eine erfolgreiche Karriere und sammelt Wissen – zum Sieg über Mitbewerber. Das Interesse an einem universellen Verständnis des Lebens, der geschichtlichen Abläufe und Zusammenhänge von Ereignissen, kurz: am Aufbau des eigenen Geistes um der Erkenntnis willen, ist beinahe erloschen.

Die Unfähigkeit zu abstrahieren und in zusammenhängenden Konzepten zu denken, beobachtet man in Kommentaren, Diskussionen, Vorträge und sogar in der neueren Literatur. Eine Folge davon sind die irrationalen Konzepte und absurden Aussagen der Politiker und ihrem zuweilen bizarren Verhalten. (Zwar werden einzelne Teile dieser Momente von den Medien kommentiert und in Satire-Sendungen verspottet, aber Ursachen und Hintergründe bleiben, absichtlich oder unbewusst, verborgen.)

Menschen, die zum konzeptionellen Denken unfähig sind – weil sie es entweder nicht erlernten, oder zu bequem sind, sich den perzeptiven Eindrücken zu widersetzen – verlieren den Zugang zur Vernunft und Logik. Als erstes Anzeichen, erliegen sie der Versuchung, sich eigene Regeln für die Anwendung dieser Begriffe zu schaffen. Jedoch, diese Regeln entstehen außerhalb der Vernunft, im emotionellen Bereich. Ein Beispiel ist die eingeführte Ansicht, dass es vernünftig sei, „menschlich“ zu sein, eine oft postulierte Phrase in Diskussionen um Asylrecht, Gleichstellung und Umverteilung. „Menschlich“ bedeutet hier aber nicht das grammatikalische Adjektiv, sondern wurde zum Synonym für Willkür und die Umkehrung von Recht und Interessen.

Gustave Le Bon hat in seinem Werk „Die Psychologie der Massen“ (1895) beschrieben, wie Gruppen nicht durch Vernunft und Fakten erreichbar sind, sondern durch emotionelle Bestätigung. Auf kritische Menschen wirkt politische Propaganda absurd, gerade weil sie sich nicht um die Ratio kümmert. Populäre Kenntnis lässt die Gefühle im Magen (Bauchgefühl) entstehen und Politiker wissen, dass jeder einen Bauch besitzt, aber nur die wenigsten ein Hirn. Diese psychologischen Phänomene der Massen, sind mit nur kleinen Varianten auf die meisten Völker anwendbar. Der entscheidende Unterschied zu anderen Gesellschaften wird sichtbar nach Auflösung der Menge – wie der Einzelne schließlich einen Vorgang beurteilt und wonach er handelt. Es ist eine Sache, ob man sich mit einer Masse emotional identifiziert, um nach Auflösung der Versammlung wieder in den Bereich der Vernunft zurückzukehren, und eine andere, ob man die erlebten Gefühle als reale Erscheinungen aufnimmt und seine weitere Haltung und Handlungen danach leiten lässt.

Die Herkunft dieser deutschen Eigenart finden sich in zweierlei Ursachen:
Die erste, liegt im traditionellen Geisteswesen, in dem die Erforschung wissenschaftlicher Phänomene der Vernunft belassen, aber die Lebensziele, Ethik und Werte in die Domäne der Emotionen gelegt wird. Dadurch war es möglich, die Moral und das Wertesystem entweder der Kirche zu übereignen, oder – wie es jetzt geschieht – dem Staat. Einst eines der wichtigsten Ursprungsländer abendländischer Philosophie, hat Deutschland sich weitgehend von dieser ehemaligen Königin der Wissenschaften losgesagt und abgeschoben, in den Bereich der Esoterik, den TV-Seelenkneter und Scharlatane. Dagegen ist es der angelsächsischen Philosophie gelungen, durch die Geister von Thomas Hobbes, über John Locke (auf dessen Gedanken die amerikanische Verfassung beruht), bis hin zu Ayn Rand, die Moral in den Bereich der Vernunft zu führen.

Die zweite Ursache liegt in der erzwungenen Suspendierung der Vernunft im Interesse einer amtlichen Version der deutschen Geschichte seit 1914. Mit dieser geistigen Unterdrückung haben sich die Deutschen scheinbar perfekt arrangiert. Nun kommen allerdings ernsthafte gesellschaftliche Probleme mit einer gewissen Energie an die Oberfläche und dringen in die Komfort-Zone des Wahlvolkes. Bei der Verarbeitung dieser Herausforderungen, bereitet der erforderliche ständige Wechsel zwischen den Bereichen der Vernunft und der Emotionen erhebliche Verwirrung. Man muss feststellen, dass die Vernunft inzwischen, als rechte Denkweise, ein Opfer der politischen Korrektheit geworden ist.

Nachdem die Bürger also jahrzehntelang mit Verstand ihr Auto kauften und ihre geschäftlichen Entscheidungen fällten, dem Staat aber viele ihrer persönlichen Belange überließen, fällt es ihnen umso schwerer, gesellschaftliche Entwicklungen und Entscheidungen aus dem staatlich geregelten Bereich der Emotionen in die sicheren Regionen der eigenen Vernunft zu retten. Das Bildungssystem fördert ein perzeptives Denken seiner Lernenden, um sie einfacher in die bestehenden Strukturen einpassen zu können. Die Dichotomie von Verstand und Emotionen spiegelt sich in der Akzeptanz der Wahlprogramme der Parteien, in denen alle anstehenden Krisen, mit hysterischer Ausgrenzung, auf emotionaler, dogmatischer und ideologischer Basis behandelt werden. Selbst die oberste Gesetzgebung verfällt den Emotionen und verläßt die rationalen Pfade: Gefühlte „Notwendigkeiten“ werden zu Gesetze, die nicht mehr auf rationalen Grundlagen stehen und deshalb in den Gerichtssälen auch keine vernünftigen Urteile mehr zulassen.

20 Gedanken zu „IM GRIFF DER EMOTIONEN

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  2. Zitat: „Seit einigen Jahrzehnten funktioniert die BRD nicht mehr für ihre meisten Bürger“

    Ich bin erstaunt, daß ich Außenseiter auf einmal zu den „meisten“ gehöre.
    Heißt das, ich bin mehrheitsfähig?

  3. Ich muß es noch auswürfeln:
    auswandern,
    aufhängen,
    oder den Text auswendig lernen, ihn predigen und mit den Meisten (Menschewiken) die Merkelisten (Bolschwiken) vermwerkeln.

  4. Treffend und angenehm geschrieben, zudem auf den Punkt gebracht. Bravo „alphachamber“! „Die schwierige Schreibe“ hat sich gelohnt. Eine Frage dazu bezüglich: „Die erste, liegt im traditionellen Geisteswesen, in dem die Erforschung wissenschaftlicher Phänomene der Vernunft belassen, aber die Lebensziele, Ethik und Werte in die Domäne der Emotionen gelegt wird.“ Grundsätzlich stimme ich diesem Befund zu, aber ist dieses Geisteswesen, auf das hier Bezug genommen wird, tatsächlich ein „traditionelles“ ? (Würde das nicht bedeuten: seit urdenklichen Zeiten allgemein anerkannt)? Mit besten Grüßen

    • Zunächst, vielen Dank, Dr. Schrittwieser, für Ihren ermutigenden Kommentar.
      Die Auslegung der Moral lag tatsächlich seit frühester Geschichte (der Kulturvölker) in der Domäne des Glaubens, also rein religiöser Interpretation. Seit frühem Mittelalter im Machtbereich der Kirche. (Interessanterweise, bestimmte in China der Konfuzianismus moralisches Handeln. Der K. ist keine Religion, sondern eher praktischer Ratgeber, der Moral aus den Resultaten pragmatischen Handelns bezieht). Ca. mit Beginn des 20. Jahrh. überließ die Gesellschaft ihre ethischen Werturteile zunehmend dem Staat. (Im Islam behält der Klerus die Macht über beide Bereiche). Wenn bei uns also Ethik und Vernunft beide durch den Staat definiert werden, bekommen wir die gleichen Probleme. Die menschlichen Eigenschaften müssen beim Individuum bleiben, sonst wächst der alte Leviathan größer und mächtiger als wir ahnen können. Alles Gute.

      • So ist es für mich klarer. Meine Unsicherheit, ob ich Ihren Gedankengang tatsächlich verstehen kann, entstand dadurch, dass ich „die Domäne der Emotion“ nicht (wie Sie) mit „Glaube und Religion“ gleichsetzte.

      • So ist es für mich einfacher, dem Gedanken zu folgen. Meine Unsicherheit, ob ich Sie richtig verstehe, beruhte darauf, dass ich irgendwie nicht auf die Idee kam, dass Sie mit dem Begriff „Domäne der Emotion“ eigentlich „Glauben und Religion“ meinten.

      • Danke, dass Sie über diesen Punkt Klarheit fordern: Der Bereich der Emotionen einschließt ALLES außerhalb der Vernunft, also auch Glauben. Vor einiger Zeit regelmäßig (heute nur noch sehr vereinzelt), fochten wir intensive Debatten (keine Diskussionen) mit Theisten darüber, ob der Glaube nicht auch „vernünftig“ sei.

  5. Ich bin heilfroh, daß Sie solche Einträge verfassen. Es ist ermutigend, daß zumindest einige der Vernunft dem ihr zustehenden Platz einräumen. Ich befürchte nur es geht bei den Deutschen einfacher zu erklären. Es geht nicht um mehr Freiheit sondern darum zu den Unterdrückern zu gehören. Den Druck bildet dabei das „wir“. Leider, leider vergessen die Menschen das zum wir das Ich dazugehört Wenn man das ich ausschließt was bleibt dann vom wir übrig?
    Wir müssen …. Ihr müßt….

    • Hallo und Danke für Ihren – wie immer – interessanten Kommentar. Besonders Ihre letzte Feststellung ist wichtig. Und Sie haben recht, Deutsche scheinen mit weniger zufrieden, solange der Nachbar noch weniger hat, an Freiheit oder Besitz. Und ja, „wir müssen“, bedeutet hier „Du musst“

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