ANATOMIE DER KOMPROMISSE

Ein Hauptsymptom des intellektuellen und moralischen Zerfalls von Menschen oder einer Kultur, ist eine Abnahme von Bemühungen zur Vorausschau, d.h., den Planungen für eine greifbare Zukunft und Erwartungen bevorstehender konkreter Ereignisse. Oder auch: Ein Verschwinden des Abstrahierens vom Prozess des Denkens oder gesellschaftlicher Belange. Die Manifestation eines desintegrierenden Bewusstseins ist die Unfähigkeit in den Begrifflichkeiten von Prinzipien zu denken.

Ein Prinzip ist eine fundamentale, primäre oder grundlegende Wahrheit, von der andere Wahrheiten abhängen. Nur durch die Anwendung von Prinzipien kann man seine langzeitlich gesetzten Ziele erreichen und den Fortschritt und konkrete Alternativen zu jedem Zeitpunkt erfassen und beurteilen.

Den heutigen Status unserer Kultur könnte man daran messen, zu welchem Grade Prinzipien aus öffentlichen Diskussionen verschwunden sind und die gesellschaftliche Stimmung sich auf schäbiges Zanken über Trivialitäten reduziert. Gleichzeitig werden wichtige Werte verraten und die Zukunft für scheinbare vorübergehende Vorteile eingetauscht. Was diese Situation noch grotesker erscheinen läßt ist, dass diese Feilschereien unter einer Aura der Scheinheiligkeit und der streitsüchtigen Behauptung stehen, dass man mit jedem über jegliches einen Kompromiss eingehen muss.

Die drei Hauptregeln der praktischen Funktionen von Kompromissen sind:

1. In jedem Konflikt zweier Parteien, die sich auf die gleichen grundlegenden Prinzipien berufen, gewinnt der Konsequentere.

2. In jeder Zusammenarbeit zwischen zwei Parteien, bei der sich beide auf verschiedene Prinzipien berufen, gewinnt die Seite mit den übleren oder irrationaleren Prinzipien.

3. Wenn gegensätzliche Prinzipien klar und offen definiert sind, ist das zum Vorteil der rationalen Partei. Wenn sie nicht klar definiert sind, sondern versteckt und ausweichend argumentiert werden, gewinnt die Seite des Irrationalen.

2 Gedanken zu „ANATOMIE DER KOMPROMISSE

  1. Ein dem Bazillus des Individualismus geschuldetes Phänomen von Oberflächlichkeit und Massenintention. Das Prinzip der meinetwegen ‚rationalen Vernunft‘ wäre ja das einzige, was die Offenlegung von Prinzipien überhaupt forderte. Doch die Begründungsebenen oder Handlungsmotivationen sind längst nivelliert durch einen Relativismus und eine rahmenlos gewordene Mannigfaltigkeit von „Interessen“ und „Meinungen“.
    Man hat zuviel geopfert als man der persönlichen Freiheit Wege bahnte. Und heute lebt man als Geisel eben dieser Entwicklung. Niemand der den vermeintlichen Wohlstand und die Interessen jedes Einzelnen (wenigstens rhetorisch) zu verwirklichen sucht, bedarf prinzipipieller Rechtfertigungen. Der Schein genügt, Realitäten sind komplex genug um entkoppelt und eingeäschert zu werden. Hinein in den Sumpf der Verschwiegenheit.
    Derart musste die Taktik über die Strategie siegen. Das alles ist längst strukturell verwirklicht und zeichnet selbst oder gerade moderne parlamentarische „Demokratie“ aus und damit sogar die Ohnmacht einer kritische(re)n Bevölkerungsschicht…
    In der Tiefe zu bohren, ist nur noch des Öls Willen modern.

    Ein allzu treffender Beitrag!

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