POLITIK DER SPRACHE

Wittgenstein:
The limits of language are the limits of philosophy.

Kulturelle Institutionen sind die Mittel der gesellschaftlichen Kontinuität und effektive Instrumente für das soziale Gleichgewicht. (siehe Grundlegende Abhandlungen: „The Individual and His Society“, Abram Kardiner, Columbia University Press, 1939). Als die Vorraussetzung des Denkens überhaupt und als Medium der Kommunikation spielt die Sprache die wichtigste Rolle aller kulturellen Institutionen. [Interessanterweise bestätigen z.B. selbst kompetente Linguisten, dass sie gedanklich in ihre Muttersprache zurückfallen für effizienteres Kopfrechnen, während einer Konversation in einer Zweitsprache]. Die Sprache ist das stärkste wahrnehmbare Element des kulturellen Profils eines Menschen. Will man seine soziale und kulturelle Herkunft leugnen oder verdecken, gelingt das bei der Sprache am wenigsten.  Herrscher und Kolonialmächte hatten schon früh in der Geschichte erkannt, dass man durch die Erzwingung des Gebrauchs der eigenen Landessprache eroberte Stämme und Völker über längere Zeit effektiv unterdrückt. Eroberungen und Besatzungen sind immer nur von kurzer Dauer, wenn es nicht gelingt die fremden Kulturen der eigenen zu unterwerfen, oder gar auszulöschen. Kontrolliert man die Sprache, dann kontrolliert man die Kommunikation, wesentliche Teile der Kultur, Bildung und endlich auch die eigentliche Denkweise. Wo das misslingt, haben es die Kolonialisten am schwersten und müssen vermehrt zu periodischen Gewaltmaßnahmen greifen (Beweise dafür lieferten die Franzosen in Indochina und noch heute bekommt man im entlegensten Dorf des kambodschanischen Hochlands zum Frühstück frische Baquette-Brötchen). Weitere prominente Beispiele sind die Anstrengungen der chinesischen Zentralregierung, ihre „Putonghua“ und Han-Kultur in Tibet und Xijiang durchzusetzen. Auf der anderen Seite nutzen Gruppen und Gemeinschaften die Sprache ebenfalls als Mittel zur Gegenrevolte oder der kulturellen Abgrenzung, sowie zur Stärkung ihrer Identität (siehe Gettho-Slang, Rap-Kultur der US-Schwarzen), gegenüber der dominanten Gesellschaft.

Wenn die Sprache einer gesellschaftlichen Gruppe eigene Elemente zur effektiveren Kommunikation benutzt (z.B. „Fachchinesisch“), ist das weiterhin problemlos. Allerdings, kann es zur sozialen Rückentwicklung führen, wenn eine breite Tendenz negativer Einflüsse – die durch alle gesellschaftlichen Schichten geht – die Primärsprache in solchem Maße korrumpiert, dass Bildung und Denkfähigkeit darunter leiden. Dabei muss man unterscheiden zwischen Bildung im Sinne eines reinen „Schul-Wissens“ und der Fähigkeiten assimilierte Erfahrungen umzusetzen, Zusammenhänge zu identifizieren und Verknüpfungen zu neuen Verständnissen herzustellen. Kurz: zwischen wissenschaftlicher und sozial-kultureller Bildung. Gesellschaftliches Wissen in Form von Erkenntnissen über Kultur, Geschichte, Philosophie und Literatur wurden über Jahrtausende von den großen Denkern und Genies zusammengetragen, mit der Hoffnung, dass neue Generationen davon profitieren und weiter daran bauen. Schwache sprachliche Fähigkeiten verhindern das Studium und Verstehen dieser wertvollen Werke und Texte. Dann verbleibt am Ende nur noch eine Gesellschaft, die hauptsächlich aus einer geistig verarmten Klasse besteht, sowie einer kleinen Elite von Fach-Idioten welche die Massen mit brillianten technischen Spielereien von den wichtigsten Werten des Mensch-seins ablenkt.

In dem Zusammenhang fällt auf, wie besonders die deutsche Sprache seit der letzten beiden Generation verarmte. Dabei ist Deutsch eine sehr ausdrucksvolle und differenzierende Sprache. Dennoch scheint es immer mehr Menschen schwerzufallen, komplette, zusammenhängende und grammatikalisch korrekte Sätze zu formulieren. Auf Fragen über Erfahrungen und Situationen, hört man oft lakonisches und all-umfassendes „geil“, „super“, „cool“. Kaum wie die kulturellen Erben von Goethe, Schopenhauer oder Brecht. Auch ohne Vermutung einer gezielten Verschwörung durch die Politik und Medien, kann man annehmen, dass es den Regierenden bestimmt gelegen kommt, wenn der Deutsche zwar eine Art von Bildung besitzt welche die Nation noch wirtschaftlich und technologisch vorantreibt, aber geistig unfähig belässt, politische und gesellschaftliche Zusammenhänge noch zu begreifen. Bei öffentlichen Auftritten von Prominenten und Persönlichkeiten der Unterhaltungsbranchen, aber leider auch bei unseren politischen Führungskräften, haben sich sprachliche Gepflogenheiten eingebürgert die niedrigstes Niveau in peinlicher Weise belegen. Umgangsformen und Anstand (als weitere kulturelle Institutionen) hat diese Sprache schon merklich mit nach unten gezogen.

Aktuelles Zitat: „so muss Sprache heute…“(!)

Ein Gedanke zu „POLITIK DER SPRACHE

  1. Ja, leider ist das noch nicht in den Köpfen der Besiegten angekommen und gerade deshalb fällt mir auch das englisch so schwer. Schwäbisch klingt da viel besser.

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