EIN HAUCH VON GEIST

Die Grundwerte und Prinzipien der Gerechtigkeit und demokratischer Verfassungen sind nicht die Ergebnisse von Aktivismus, parlamentarischen Arbeitsgruppen, oder Beschlüssen der Vereinten Nationen. Werte werden definiert durch Kultur und Moral einer Gesellschaft. Es kann deshalb auch keine internationalen Gesetze geben, mit Gültigkeit in einem nationalen Rechtssystem. Ohne die Grundlage der Vernunft kann es keine Moral und Ethik, und damit auch keine wirkliche Gerechtigkeit geben. Der vernünftige Mensch ist der moralische Mensch, er lässt sich nicht globalisieren.

Der Mensch wird mit der Fähigkeit zur Vernunft geboren, ob er sie gebraucht (gebrauchen will) bleibt dem Einzelnen überlassen. Die soziale Anwendung der Vernunft hängt jedoch ab von der Freiheit, besonders der geistigen Freiheit, welche die Gemeinschaft oder der Staat dem Einzelnen ermöglicht. Die Vernunft, der „gesunde Menschenverstand“ (common sense) ist das, was die Regierenden am meisten fürchten. Das Primat der Vernunft – im Kontext der kulturellen Institutionen – enthält auch den ethischen Wegweiser zur Gerechtigkeit. Dieser muss unbeeinflussbar bleiben von kurzeitigen Krisen, politischen Manövern und Lobbyismus.

Wie können wir Gerechtigkeit walten lassen in einer Gesellschaft, in der durch Verordnung Unrecht zu Recht wird, in der durch rein emotionelles Ermessen kriminelles Verhalten Legitimität erlangt, Personen die sich nach dem Gesetz verhalten benachteiligt werden und in der kulturelle Werte auf den Kopf gestellt werden?

Gerechtigkeit und moralische Werte sind keine Produkt einer kontinuierlichen Entwicklung über die Menschheitsgeschichte. In der Tat, die Elemente einer gerechten Gesellschaft waren in der attischen Antike ausgeprägter und wohl wirkungsvoller als in den meisten modernen Nationen. Die Zeitalter, ungefähr zwischen dem Niedergang Roms bis zur Französischen Revolution, waren – in der bekannten Welt – überwiegend geprägt von Tyrannei, Formen des Absolutismus und Gewaltherrschaft. Zu den Gründen dafür zählte die Unterdrückung der Vernunft, der Wissenschaft und des Wissens allgemein.

Betrachten wir das irrationale und unmenschliche Verhalten in all denjenigen Gesellschaften, in denen entweder die Religion des Staates (Faschismus) oder ein theistischer Glaube die Gesetze dominieren. Wir sehen dort generelle Willkür in fast allen Bereichen des sozialen Lebens. Auch unser (international verehrter) Immanuel Kant hat es nicht geschafft die Moral der Vernunft zu unterordnen, und überließ sie am Ende dem Göttlichen.

Ohne die Hilfe der Vernunft ist es unmöglich über Gerechtigkeit zu urteilen. Die einzigen Alternativen zur Vernunft sind Glaube und Emotionen; aber beide sind willkürliche Phänomena, keine Werkzeuge der Erkenntnis. Offensichtlich besitzt unser Staat kein Wertesystem, welches den kulturellen Traditionen, den Attributen der Deutschen, ihrem Streben und sozialen Bedürfnissen gerecht wird.

Ähnliches gilt für England, Frankreich und viele andere Nationen. Überall wird nach Kompromissen gesucht – das Gegenteil von Gerechtigkeit. Unsere Politiker könnten Gerechtigkeit gar nicht mehr erkennen, selbst wenn sie aus der Klo-Schüssel spränge und ihnen in den Hintern beissen würde! Unsere Moral richtet sich ausschliesslich nach politischen Erfordernissen; der Schwanz wedelt den Hund. Unsere Parlamentarier haben es vollbracht (schon seit längerer Zeit), den Bürgern ihre Vernunft und „common sense“ als Hindernis des sozialen Fortschritts abzukaufen.

Bei den Themen Flüchtlinge, Mindestlohn, Ökologie und Besteuerung wurde zunächst mit Zahlen argumentiert. Als dies auf Hindernisse stieß, bemühte man die Emotionen und den Populismus. Was und wo sind denn die Maßstäbe für die Einwanderung, für ein garantiertes Mindesteinkommen, für den Umweltschutz und die Steuersätze? Sind es die „Höhe des Mitleids“, oder des Schuldkomplexes?, die Stärke des Neids?, Sorge um Eisbären und die Malediven?, die Unersättlichkeit der Bürokratie? Die Zweckmäßigkeit wird einfach zur Vernunft erklärt.

Die fehlerhafte, aber vorherrschende, Ansicht, dass Gerechtigkeit und Moral quantitative und ökonomische Faktoren seinen, hat grossen Schaden angerichtet. Weder Marxismus, Kommunismus, oder Faschismus bieten Gerechtigkeit. Weder unser Sozial-Feudalismus, noch irgend ein anderes Macht-Konstrukt aus linken oder rechten Hirnen, basieren auf wirklicher Gleichberechtigung, und freiem und fairem Handel und Besitz. Bei allen geht es nur um wegnehmen, zusteuern oder umverteilen auf rein zahlenmäßiger Basis, um staatliche Eingriffe, welche eine Gesellschaft „ebnen“ soll, die schon auf irrationalen Konzepten existiert. Nehmen wir das Spielzeug der reichen Kinder weg und geben es den armen!

Die Resultate geistloser Politik sehen wir in den Forderungen von Bürgerbewegungen, wie die der „Gelben Westen“ Frankreichs. Viele Punkte in deren Programm sind unvereinbar und widersprüchlich und entspringen ebenso willkürlichen sozialen Vergleichen, wie die der Regierung. Die Antithese der Unvernunft: emotioneller Populismus, gegen emotionellen Populismus, und beide Seiten ignorieren die ökonomischen und sozialen Folgen, Wir befinden uns im Reich geistloser Willkür – die Vernunft hat ihre Bedeutung verloren. Man wird an die Worte von de Tocqueville erinnert: Als sich Napoleon zum Herrn der Revolution machte, dankte die Freiheit zu Gunsten der Gleichheit ab.“

Die Zerstörung der Vernunft ist eine gefährliche Strategie – sie führt zur Verkümmerung des konzeptionellen Denkvermögens. Die beiden kardinalen Fragen des menschlichen Verstandes „warum?“ und „wofür?“ sind dem anti-konzeptuellen Gehirn fremd. Die Abwesenheit eines Interesses für das „warum“ verhindert die Bildung des Konzepts der Kausalität und isoliert von der Vergangenheit. Desinteresse für das „wofür“ eliminiert die Notwendigkeit langfristiger Ziele und isoliert von der Zukunft.

Wenn die Vernunft kein Absolut im Geiste ist, spielt auch die Wahrheit keine Rolle mehr. Vernunft und Wahrheit haben einen gemeinsamen Nenner: Das Gesetz der Identität (A=A). Es ist ein Axiom und die Basis für alles vernünftige und damit gerechte Handeln.
Das Postulat des reaktionären
GWF Hegels spukt weiterhin im Hirn des deutschen Philisters: „Was wirklich ist, ist vernünftig; was vernünftig ist, ist wirklich.“ Dieser Satz löst sich jedoch nach der Hegelschen Dialektik von selbst auf: „Alles was besteht ist wert, dass es zugrunde geht“. Es wird viel gedacht, aber es fehlt ein Hauch von Geist.

 

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5 Gedanken zu „EIN HAUCH VON GEIST

  1. hi alpha,

    Ihr artikel hat mich inspiriert, über das verhältnis von philosphie/wertekram und praktischer politik nachzudenken.

    ich glaube, da eine WESENTLICHE (ein- oder gar wechselseitige) beeinflussung anzunehmen, ist falsch. das (wertekram) ist nur ein wenig oberflächlicher lack.

    meinen standpunkt kennen Sie ja. wenn es aber richtig ist, daß die politik extern gelenkt wird, wovon ich ausgehe, dann spielen philosophische und kulturelle wertbetrachtungen nur eine ziemlich untergeordnete rolle.

    DAS erklärt für mich letztlich auch die diskrepanz zwischen hehrem anspruch und wirklichkeit der (nicht nur aktuellen) politik.

    ich wünsche Ihnen und den Ihren einen guten rutsch ins neue jahr mit all seinen mutmaßlichen überraschungen!

    hg

    vitzli

    • Hallo Vitzli,
      Danke fuer Ihren Kommentar, Sie werfen Licht auf die richtigen Dinge. Der Haupteinwand:

      „…dann spielen philosophische und kulturelle wertbetrachtungen nur eine ziemlich untergeordnete rolle.“

      Zustimmung, aber es geht um die Kausalitaet. Kulturell starke Nationen sind weniger anfaellig fuer aeussere Einfluesse (z.B. China, Japan, Arabien).

      Auch Ihnen ein gesundes und erfolgreiches 2019! Prost!

  2. „Kulturell starke Nationen sind weniger anfaellig fuer aeussere Einfluesse“

    das ist wohl wahr. deshalb wird die kultur zunächst mittels „ideologien“ und „ideen“ geknackt. ich fürchte, dem werden auch die genannten regionen längerfristig nicht widerstehen. an unserem beispiel sieht man ja ganz gut, was sich in nur 70 jahren alles machen läßt.

  3. Pingback: Woanders gelesen: EIN HAUCH VON GEIST | Deutsche Ecke

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